Jens Peter Brune M.A. phil.  punkt  Dr. phil. Dipl.-Ing. Horst Gronke  punkt  Bärbel Jänicke  punkt  Sabir Yücesoy
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Sokrates hinter Gittern

Das Projekt "Dialog im Vollzug"
in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel
Dialog im Vollzug

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Sponsoren für Gespräche in der
der JVA Tegel gesucht !

 

Seit nunmehr 8 Jahren finden in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel Gesprächsgruppen nach der Sokratischen Methode mit stetig wachsendem Erfolg statt. Sie dienen dazu, Langinhaftierte auf ihre Entlassung – auf "die Zeit draußen" – vorzubereiten. Die Teilnahme an den Gesprächsgruppen ist freiwillig. Das Projekt wird von der Sozialpädagogischen Abteilung der JVA im Rahmen des Entlassungstrainings finanziert.

In den Sokratischen Gesprächen in der JVA Tegel arbeiten drei Gruppen von derzeit jeweils 12 bis 14 Gesprächsteilnehmern mit der Unterstützung von zwei ausgebildeten Sokratischen Gesprächsleitern über längere Zeit intensiv an einem selbst gewählten, grundlegenden Thema. Beispiele für solche Themen sind: "Wie aus einem Teufelskreis herauskommen?", "Wie gehe ich Auseinandersetzungen an?", "Dinge verändern", "Wie viele Freiheiten nehme ich mir?", "Wie komme ich mit Ohnmacht klar?", "Wie entsteht Freundschaft?", "Wovon hängt es ab, dass ich verzeihe?", "Wie gehe ich mit Gefühlen der Ohnmacht und Enttäuschung um?", "Was habe ich mir vorgenommen und was habe ich erreicht?"

JVA Tegel, Teilanstalt V
JVA Berlin-Tegel – Teilanstalt V

Unter den Teilnehmern sind Protestanten, Katholiken, Orthodoxe und Muslime. Manche verstehen sich als Atheisten. Sie stammen u.a. aus Deutschland, dem Libanon, Moldawien, Polen, Rumänien, Russland, der Türkei u.a. Ländern. Die typischen Delikte sind: Betrug, Diebstahl, Drogenhandel, bewaffneter Raubüberfall, Vergewaltigung, Menschenhandel, Mord. Die Haftzeiten liegen zwischen 4 Jahren und lebenslänglich.

Die Themen, die die Strafgefangenen mit uns besprechen, sind häufig mitgeprägt von den Rahmenbedingungen und Restriktionen des Strafvollzugs. Bei unserer Arbeit im Gefängnis haben sich vier typische Spannungsfelder ergeben, aus denen sich Schwierigkeiten und Konflikte während des Strafvollzugs ursprünglich entwickeln, dann aber auf andere Felder übergreifen können: (1) das Spannungsfeld zwischen mir hier „drinnen“ und dem Leben, der Familie, den Bekannten „draußen“; (2) zwischen uns Häftlingen auf der einen, der Institution des Strafvollzugs (mit seinen Beamten, Regeln, alltäglichen Beschränkungen) auf der anderen Seite; (3) zwischen mir als Einzelnem bzw. Angehörigem einer bestimmten (ethnischen, religiösen, delikttypischen) Häftlingsgruppe und „denen“ als Angehörigen einer anderen Gruppe sowie (4) zwischen mir, der ich (derzeit) bin bzw. war, und mir, der ich sein bzw. werden möchte.

Anhand ihrer eigenen konkreten Erfahrungen setzen sich die Teilnehmer mit dem jeweiligen Thema und ihren eigenen Gedanken dazu auseinander. Ziel des Gesprächs ist es, die Werte und Ziele zu klären, die das eigene Leben orientieren. Die Teilnehmer üben sich darin, konkret an persönlichen Problemen anzusetzen, sie vernünftig zu durchdenken und eigenständige Lösungen zu finden. Es geht hierbei weniger um Lösungen für den einzelnen Fall als um tiefgreifende Wahrnehmung und Klärung des eigenen Lebensweges. Die Teilnehmer erarbeiten sich selbständig Einstellungen, die ihr zukünftiges Verhalten in der Gesellschaft stabilisieren. Die Leiter der Gruppen "belehren" nicht, sondern fördern die eigene Einsichtsgewinnung der Gesprächspartner.

Im Sokratischen Gespräch üben die Teilnehmer vor allem auch kommunikative, soziale und selbstreflexive Gesprächstugenden ein. Die gemeinsame disziplinierte Arbeit der Gruppe führt dazu, dass die Teilnehmer andere Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten kennen lernen sowie Distanz zu eingespielten Vorurteilen gewinnen. Sie lernen, mit anderen zusammenzuarbeiten, respektvoll miteinander umzugehen, sich zuzuhören, bei der Sache zu bleiben, Gedanken für sich und andere zu ordnen, aufrichtig zu sein, sachlich Kritik zu üben, berechtigte Kritik anzunehmen.

Wie gehen wir im Sokratischen Gespräch vor?

Die Methode umfasst 6 Phasen, die jeweils aus kleineren Schritten bestehen:

1. Gemeinsam ein relevantes Thema finden
Im Ausgang von aktuellen Problemen entwickeln die Teilnehmer ein Sokratisches Thema 2. oder 3. Ordnung. Die Themenstellung soll für alle Beteiligten von lebenspraktischer Bedeutung sein. Die Teilnehmer lernen, die Tiefendimension von alltäglichen Problem- und Konfliktsituationen zu erkennen und genau zu artikulieren.

2. Auf eigene Lebenserfahrung beziehen
Fenster der TA VDie Teilnehmer schildern selbst erlebte Erfahrungssituationen aus der Vergangenheit, die für das Sokratische Thema einschlägig ist und an der sie persönlich aktiv beteiligt waren. Hierbei lernen die Teilnehmer, die eigene Lebenserfahrung wahrzunehmen, sich einander zu öffnen und in ihren Lebensgeschichten ernst zu nehmen.

3. Auf eine Erfahrungssituation konzentrieren
Die Gruppe konzentriert sich auf eine Erfahrungssituation. Die Situation wird plastisch und strukturiert ausgearbeitet, so dass sich alle Teilnehmer in der Situation wiederfinden können. Die Teilnehmer üben, ihr Vorverständnis der Situation, der beteiligten Personen, der Gefühle und Meinungen bewusst einzubringen und ggf. zu korrigieren. Außerdem lernen sie, sich eines vorschnellen Urteils zu enthalten und die richtigen Fragen zu stellen, um eine gemeinsame Verstehensbasis zu entwickeln.

4. Ein konkretes Urteil formulieren
Die Teilnehmer formulieren erste, konkret auf die Erfahrungssituation bezogene Urteile. Dazu bündelt die Gruppe ihre Gedanken auf einen bestimmten Punkt – eine Entscheidung, eine Handlung. Die Teilnehmer lernen, wesentliche von unwesentlichen Aspekten einer Situation zu trennen, sachbezogen zu werten und ihrer Bewertung einen sprachlich angemessen, differenzierten Ausdruck zu verleihen.

5. Analysieren
Gang in der TA VBei der Analyse konkreter Urteile achten die Teilnehmer darauf, ob alle relevanten Fakten bedacht sind, das Urteil für alle klar und schlüssig ist und welche Einwände vernünftiger Weise zu berücksichtigen sind. Sie lernen, andere Perspektiven auf die Situation einzunehmen, alternative Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten zu entwerfen und zu differenzierteren Urteilen zu gelangen.

6. Begründen
Gemeinsam untersucht die Gruppe die Voraussetzungen, die einem Urteil zugrunde liegen. Diese Voraussetzungen werden mit Hilfe von Argumenten auf ihre Tragfähigkeit hin geprüft. Dabei lernen die Teilnehmer zunächst, Kriterien und Regeln des konkreten Urteils aufzudecken. In einem weiteren Schritt machen sie sich die grundlegenden Werte und Ziele bewusst, die ihr eigenes Handeln orientieren.

Der konkrete Erfahrungsbezug bleibt über alle 6 Schritte durchgängig erhalten.

Wie fassen unsere Teilnehmer
die Sokratische Gesprächsmethode auf?

Beschreibungen unserer Teilnehmer:

  • Wir suchen uns ein Thema, nämlich eine allgemeine Frage, die wir über mehrere Wochen besprechen.
  • Wir beziehen uns auf Erfahrungen aus unserem eigenen Leben. (Nichts Erfundenes)
  • Wir diskutieren hier nicht gegeneinander sondern überlegen miteinander.
  • Wir sind offen zueinander. Wir verstellen uns nicht. Wir tragen hier das Herz auf der Zunge.
  • Jeder ist hier verantwortlich für das, was er sagt und wie er es sagt.
  • Wir bemühen uns darum, die Meinungen der anderen zu verstehen.
  • Wir fragen uns, was an den Meinungen richtig ist.
  • Wir untersuchen unsere Urteile daraufhin, was ihnen an Grundeinstellungen zugrunde liegt.
  • Wir ziehen aus unserem Gespräch Lehren für die Zukunft.
  • Es geht hier darum, dass man selbst was einsieht. Das macht man dann auch.
  • Wir erweitern unseren Horizont, indem wir andere Perspektiven kennen lernen. ("Mehrere Leute haben mehrere Ideen.")
  • Wir müssen Geduld haben. Das gemeinsame Denken ist mühsam.

Was lernen unsere Teilnehmer aus unseren
Sokratischen Gesprächen über das Miteinanderreden?

Einige ihrer Kommentare:

  • "Wenn man den anderen zuhört, kann man zu neuen Gedanken und Einsichten gelangen, die man selbst niemals gefunden hätte."
  • "Es ist wichtig, einmal richtig zu kieken, wo der andere hinwill, das nachzuvollziehen."
  • "Es ist gut, die eigene Situation mit den Situationen anderer zu vergleichen."
  • "Die Antworten auf unsere Fragen haben viel damit zu tun, woher wir kommen, in welchem Umfeld wir uns bewegen."
  • "Wenn es humorvoll und freundlich zugeht, fällt es leichter, etwas von sich zu erzählen."
  • "Es ist gut, an der konkreten Erfahrung zu arbeiten. Dann redet man nicht so schnell aneinander vorbei."
  • "Man sieht zunächst keinen Grund - und dann hilft einem das Gespräch, doch einen Grund zu sehen."

Was lernen unsere Teilnehmer inhaltlich
in den Sokratischen Gesprächen?

Einige ihrer Gedanken:

Anerkennung: 

 

"Die beste Anerkennung ist die, für die man nicht gezielt etwas tut, sondern bekommt, wenn man sich entsprechend den eigenen Werten verhält."

Verzeihen:


"Man muss verzeihen können, sonst kommt man nicht zur Ruhe."
"Man kann leichter verzeihen, wenn man in seinem Leben selber Verzeihen erfahren hat und das manchmal zu einem guten Ende geführt hat."

Ziele:


"Ziele müssen realistisch, machbar sein. Es hat keinen Sinn, wie ein Vogel fliegen zu wollen. Ziele müssen auch bescheiden sein, d.h. sie sind meiner Situation angemessen."

Veränderung:


"Man lernt Veränderung, wenn man lernt, mit Problemen und Widerständen vernünftig umzugehen, Prioritäten zu setzen, sich klar macht, dass man für sich selbst verantwortlich ist."

Teufelskreis:


"Um aus einem Teufelskreis herauszukommen, muss man ein Ziel klar vor Augen haben, den Willen haben, es zu erreichen, konsequent sein in dem, was man tut (man muss auch mal verzichten können)."

Lernen:


"Lernen führt dazu, die Dinge realistischer zu sehen. Lernen heißt, die Erfahrungen, die man während seines Lebens macht, umzusetzen. Dadurch kriegt man eine stabile realistische Haltung."

Eine Mindmap, die eine Gruppe im Sokratischen Gespräch zum Thema "Dinge verändern" entworfen hatte:

mindmap

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Interessante Links

Weitere Informationen über die Justizvollzugsanstalt Berlin Tegel erhalten Sie auf der offiziellen Homepage unter www.Berlin.de/jva-tegel/ sowie auf der Homepage der Gefangenen unter www.planet-tegel.de

Literaturhinweise zu unseren Gesprächen entnehmen Sie bitte der Projekte-Seite von pro argumentis.

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